28. Februar 2018 Psychiatrie in der Testphase

Die Gesundheitssenatorin hat 15 Modellprojekte für Menschen mit psychischen Problemen vorgestellt, die sie bis Ende 2019 mit insgesamt 1,2 Millionen Euro fördern will.


Das Gesundheitsressort des Senats sucht weiter nach den richtigen Angeboten für die Psychiatrie von morgen.

Eine neue Mischung aus 15 ambulanten Modellprojekten für Menschen mit psychischen Problemen hat die Behörde am Mittwoch vorgestellt.

Die Projekte werden von der Senatorin mit 1,2 Millionen Euro gefördert.


Neu ist eines speziell für Frauen, die lange geforderte Beschwerdestelle und ein auf die Bedürfnisse von Suchtkranken zugeschnittenes Angebot. Kritiker befürchten, dass die zeitlich begrenzten Angebote nach Ende der finanziellen Förderung im Jahr 2019 verpuffen und die Erneuerung der Psychiatrie im Land Bremen so im Sande verläuft.


Ziel der vorerst auf zwei Jahre befristeten Projekte bei verschiedenen Trägern ist nach Angaben von Senatorin Eva Quante-Brandt (SPD) die bessere Versorgung von Menschen mit psychischen Problemen in deren Lebensumfeld, eine stärkere Einbeziehung von Psychiatrie-Erfahrenen und der Angehörigen sowie ein stärkeres Zusammenwirken der Angebote in den Stadtteilen.

Das alles soll nach den Worten von Quante-Brandt die Qualität der Behandlung steigern und Klinikaufenthalte vermeiden.


Die Auswahl der Modellprojekte habe ein Gremium aus Vertretern der senatorischen Behörde, der Gesundheitsämter in Bremen und Bremerhaven, der Krankenkassen und Psychiatrie-Erfahrenen getroffen.

Auch ein pensionierter Psychiater sei dabei gewesen, sagt Jörg Utschakowski von der senatorischen Behörde. "Es wurde unter anderem bewertet, ob die Träger kompetent sind."


Einige laufende Projekte wie das Nachtcafé mit Krisendienst (Nachtwerk) im Bremer Westen würden weiter gefördert, andere seien verbessert worden und wieder andere seien neu dabei.
Darunter auch der "Frauenraum" des Arbeiter -Samariter-Bundes (ASB), der Gesellschaft für ambulante psychiatrische Dienste (Gapsy) und der Inneren Mission. "Frauen, die eine lange Krise durchlitten haben, können bei uns neue Kontakte knüpfen, klönen und kreativ sein", sagte Heike Dietzmann von der Diakonie-Tagesstätte Wichernhaus Am Dobben.


Neues Projekt soll Mediensüchtigen helfen


Lange gekämpft hatten Angehörige und Betroffene für eine unabhängige Beschwerdestelle: "Die wird es jetzt für den Bremer Westen und Mitte geben", kündigt Dietzmann an.

Jeweils zwei ausgebildete Genesungsbegleiter mit Erfahrung im Bereich Psychiatrie sollen als geringfügig Beschäftigte die Menschen in Krisensituationen beraten, sich für ihre Belange einsetzen und mit ihnen gemeinsam die Probleme lösen.


Die Ambulante Suchthilfe möchte mit einem neuen Projekt Mediensüchtigen helfen.

"Übermäßiger Spielekonsum kann die Beziehungen zu anderen zerstören und den Job oder die Ausbildung kosten", sagt Leiterin Eva Carneiro Alves. Oft leiden die Betroffenen darüber hinaus an Ängsten oder Depressionen.
"Wir bieten künftig eine Sprechstunde für Betroffene und Angehörige an."


Außerdem soll es eine Selbsthilfegruppe für Menschen geben, die ihren Medienkonsum reduzieren wollen.

Weiter ausbauen will das Klinikum Bremen-Ost (KBO) gemeinsam mit dem ASB und der Gapsy die Versorgung von psychisch kranken Menschen aus einer Hand – die sogenannte sektorübergreifende Behandlung.


Es handelt sich um zeitlich befristete Projekte


Die Patienten hätten oft rechtlichen Anspruch auf verschiedene Hilfen, die aus verschiedenen Töpfen bezahlt werden, so der geschäftsführende Direktor des Zentrums für Psychosoziale Medizin am KBO, Jens Reimer.

"Da den Durchblick zu behalten, damit muten wir den psychisch Kranken eine Menge zu."


Mit der Versorgung aus einer Hand habe man gute Erfahrungen gemacht: "Patienten sind mit entsprechender Unterstützung gar nicht erst in die Klinik gekommen oder früher aus der Klinik entlassen worden, weil wir sie in ihrem Lebensumfeld versorgt haben", so Reimer.


Die Senatorin ist sicher: "Wir sind mit den Modellprojekten auf dem richtigen Weg, Verbesserungen zu etablieren und auszuprobieren." Allen sei klar, dass es sich um zeitlich befristete Projekte handele. Ob das unbedingt gut ist, bezweifeln Kritiker.


Einsatz für eine Verstetigung der Finanzierung


"Vieles von dem, was zurzeit modellhaft erprobt wird, kann nur nachhaltig abgesichert werden, wenn es zu einer Transformation von Mitteln aus dem stationären Bereich kommt", sagt zum Beispiel der Geschäftsführer der ASB-Gesellschaft für Seelische Gesundheit, Wolfgang Rust. Mit dieser Forderung ist er nicht allein.

Auch Angelika Lacroix vom Nachtcafé des Klinikums Bremerhaven und Helmut Thiede (Gapsy) setzen sich für eine Verstetigung der Finanzierung über das Jahr 2019 hinaus ein.


Sollte das nicht klappen, befürchtet Rust, dass Ansätze wie die Projekte "Nachtwerk" oder "Sektorübergreifende Versorgung" verpuffen. Die Klinikleitung, so Rust, distanziere sich hartnäckig von einem Zusammenhang zwischen einem Bettenabbau und der Verbesserung der ambulanten Versorgung. "Die Senatorin macht diesbezüglich keine Ansagen.

Dabei soll die Klinik ihr Personal lediglich verstärkt im ambulanten Bereich einsetzen."

 

 

Aus dem Weser-Kurier - Antje Stürmann - 28.02.2018

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