18. Juli 2018 Der lange Weg zur Inklusion

Seit Februar 2017 trifft sich bei der Blauen Karawane der Arbeitskreis „Neue Psychiatrie im Bremer Westen", der ein Modellkonzept für Findorff, Walle, Gröpelingen und Oslebshausen entwickelt hat.

 

Bild mit einer Gruppe von Menschen

 

Ulrich Wesseloh (v. l.), Heiko Schwarting und Klaus Pramann sind drei von rund 15 Akteuren im Arbeitskreis. (Roland Scheitz)

 


Bremen-West. „Ambulant vor stationär": So lautet ein wichtiger Grundsatz der in den 1980er-Jahren eingeleiteten Psychiatrie-Reform. Dahinter steht die Idee, den Bereich der Anstalts- und Klinikpsychiatrie mithilfe ambulanter Angebote auf lange Sicht verkleinern zu können.


Tatsächlich sind verschiedene ambulante Angebote eingerichtet worden, seit Mitte der 1980er-Jahre die Langzeit-Psychiatrie Kloster Blankenburg bei Oldenburg aufgelöst wurde, womit Bremen bundesweit Psychiatriegeschichte schrieb. Parallel dazu aber hat sich auch die Zahl der Klinikbetten erhöht. Bremen habe heute eine der höchsten Bettenmessziffern bundesweit, kritisiert vor diesem Hintergrund ein Zusammenschluss verschiedener Akteure und Einrichtungen im Bremer Westen. Die „bettenorientierte Psychiatrie" übe dabei geradezu einen Sog aus, sagt der Wasller Psychiater Klaus Pramann, der 1985 die Blaue Karawane – einen bunten Konvoi aus Psychiatriepatienten, Ärzten, Betreuern, Musikern und Theaterleuten quer durch die Bundesrepublik – mitinitiiert hat. Denn es gebe immer mehr Menschen, die über keine Hilfsnetze wie Nachbarschaft oder Familie mehr verfügten. Auf Probleme oder Überlastung reagierten deshalb viele Hausärzte immer öfter mit einer Einweisung: „Immer mehr Bürger werden somit zu betreuten Bewohnern."


Ideen für den Westen


Im Bremer Westen wird vor diesem Hintergrund seit Längerem und zunehmend lauter über Gegenmodelle zu Krankenhauspsychiatrie und Heimunterbringung bis zum Lebensende nachgedacht: Seit Februar 2017 treffen sich beim Verein Blaue Karawane im Arbeitskreis „Neue Psychiatrie im Bremer Westen" alle drei Wochen Psychiatrie-Betroffene und -Beschäftigte, Angehörige und interessierte Bürger, um Ideen dazu zu entwickeln, wie denn nun der seit Langem von Fachleuten, Politikern, Versorgungs- und Kostenträgern geforderte Umbau von der stationären zur ambulanten Versorgung zu schaffen wäre. Vor einiger Zeit sind auch die Gesellschaft für ambulante und psychiatrische Dienste (Gapsy) und verschiedene Träger für betreutes Wohnen wie die Initiative zur sozialen Rehabilitation, die Bremer Werkgemeinschaft, das Sozialwerk der Freien Christengemeinde und der Martinsclub in dieses Forum mit eingestiegen. Und die Zusammenarbeit trägt erste Früchte: Mittlerweile gibt es ein gemeinsames Modellkonzept für eine regionale psychiatrische Versorgung psychisch kranker Menschen am Beispiel des Bremer Westens, das die Arbeitsgruppe sowohl Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) als auch Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) vorgelegt hat. Beide Ressorts müssen nämlich ihrer Ansicht nach in der Sache eng zusammenarbeiten und das Zusammenspiel von verschiedenen Stellen wie Krankenkassen und dem Amt für Soziale Dienste durch die Schaffung eines regionalen Psychiatrie-Budgets verbessert werden.


In das Papier sind Pramann zufolge auch Leitgedanken eingeflossen, die die Arbeitsgemeinschaft Regionale Versorgung und Krisenintervention bei Jörg Utschakowski, Psychiatriereferent des Landes Bremen, formuliert hat. Denn auch die Politik verfolgt den Ansatz „Ambulant vor stationär" – theoretisch zumindest. So hat unter anderem die Bremische Bürgerschaft am 13. Januar 2013 beschlossen, die Psychiatrie müsse neue übergreifende Strukturen bekommen, sich von Krankenhausbetten wegorientieren und Betroffene stärker einbeziehen.


Anstatt weiterhin zusätzlich zur Klinikpsychiatrie verschiedene ambulante Angebote zu machen, müsste vielmehr das gesamte System grundlegend umgekrempelt werden, fordert die Arbeitsgemeinschaft nun in ihrem Papier. Um einen entsprechenden Paradigmenwechsel zu erreichen, will sie das bisherige Versorgungsangebot von Gesundheit Nord (Geno) und Trägern betreuter Wohnangebote durch ein neues „Zentrum für seelische Gesundheit West" mit stationären, teilstationären und ambulanten Arbeitsbereichen ersetzen. Neben 15 – statt bislang 45 – Betten soll es unter dem Dach dieser Einrichtung zwei multiprofessionelle Krisendienste geben, so die Idee: Einen für den Bereich Walle/Findorff und einen für Gröpelingen und Oslebshausen. Auf diese Weise könnte sich jeweils ein Team um einen Einzugsbereich von 56 000 beziehungsweise 35 000 Einwohnern kümmern. Rund 50 Vollzeitkräfte wären für dieses Angebot nach den Berechnungen der Arbeitsgruppe nötig. In dem neuen Zentrum für seelische Gesundheit sollten zukünftig alle Beteiligten trägerübergreifend zusammenarbeiten – und zwar möglichst ambulant und sozialraumorientiert, was konkret bedeutet, dass sich der Blick insbesondere auf die jeweilige Person und ihre sozialen Bezüge richtet. „Der Ort des Lebens ist auch der Ort der Behandlung", soll dabei ein Leitmotiv lauten und stärker prozess- statt diagnoseorientiert gearbeitet werden in einem offenen Dialog auf Augenhöhe. In der finnischen Stadt Tornio werde seit Längerem mit dieser Methode gearbeitet und die Region sei mittlerweile ohne Medikamente nahezu psychosefrei, erzählt Ulrich Wesseloh, Leiter der Ambulanten Psychiatrischen Pflege bei der Gapsy: „Und die Kollegen dort sind hoch zufrieden und machen ihre Arbeit gerne. Es ist enorm, wie die Kräfte da auch miteinander wirken."


Jetzt will der Arbeitskreis sein Konzept bekannt machen und auch Gesundheit Nord (Geno) als Betreiber des Klinikums Bremen-Ost (KBO) mit ins Boot holen. Dort ist inzwischen ein eigenes Konzept erarbeitet worden. Dass der Direktor des Zentrums für psychosoziale Medizin am KBO, Jens Reimer, kürzlich mehr Spezialisierung und eine zentrale Steuerung vorgeschlagen hat, sei allerdings das genaue Gegenteil davon, die Menschen in ihrem Lebensumfeld ambulant zu behandeln, unterstreicht Klaus Pramann. „Inklusion ist das Ziel – das ist Ent-Psychiatrisierung", betont er. Bis dieses Ziel erreicht werde, seien aber wohl noch sehr dicke Bretter zu bohren, weiß Pramann auch: „Die Politik muss sehr entschlossen darin vorgehen, das zu tun, was sie eigentlich selbst für richtig hält."

 

 

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